Nachwort der Herausgeber

Christian E. Weißgerber und Philipp Idel zu Alain Lacroix‘ Ulrike Meinhof 1968-76

Praxislos ist die Lektüre des »Kapital« nichts als bürgerliches Studium. Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz. Praxislos ist proletarischer Internationalismus nur Angeberei. Theoretisch den Standpunkt des Proletariats einnehmen, heißt ihn praktisch einnehmen. Die Rote Armee Fraktion redet vom Primat der Praxis. Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.1Aus RAF – Das Konzept Stadtguerilla, 1971.[/mfn

Die beiden Herausgeber sehen das Buch von Alain Lacroix als Psychogramm des Radikalisierungsprozesses einer Person, die alle – einer Frau zugänglichen – Privilegien der bürgerlichen Gesellschaft genießt; sich aber dennoch, oder gerade deswegen radikal von dieser abwendet, von ihrem bisherigen Leben. Und mit allem bricht, was sie einmal gewesen ist; die in die Illegalität geht, um die „Rote Armee“ aufzubauen, ihrer Ansicht nach der bewaffnete Arm von Klassenkampf und Emanzipation. Lacroix gibt Meinhof eine posthume Stimme. Eine Erweckung der Toten – nicht mit dem Anspruch zu sagen, wie es gewesen ist; noch das Gewesene zu beurteilen. Vielmehr um zu erzählen, was noch zu sagen blieb/geblieben ist. So wie es Ulrike Meinhof, wäre sie ihrer revolutionären Wut nicht selbst zum Opfer gefallen, ihren Töchtern berichtet haben könnte – vielleicht in anderen Worten, mit verhaltenem Gestus und doch lebendiger Stimme.

Sie sehen in der politischen Apathie des Proletariats nur die Apathie, nicht den Protest gegen ein System, für das es sich nicht zu engagieren lohnt; sie sehen in der hohen Selbstmordquote des Proletariats nur den Akt der Verzweiflung, nicht den Protest. Sie sehen in der Unlust des Proletariats zum ökonomischen Kampf nur die Unlust zum Kampf, nicht die Weigerung, für läppische Prozente und blöden Konsum zu kämpfen. Sie sehen in der gewerkschaftlichen Unorganisiertheit des Proletariats nur die Unorganisiertheit, nicht das Mißtrauen gegen die Gewerkschaftsbürokratien als Komplizen des Kapitals. Sie sehen in der Aggressivität der Bevölkerung gegen die Linken nur die Aggressivität gegen die Linken, nicht den Haß auf die sozial Privilegierten. Sie sehen in unserer Isolierung von den Massen nur unsere Isolierung von den Massen, nicht die wahnwitzigen Anstrengungen, die das System unternimmt, um uns von den Massen zu isolieren. […] [D]ie Dialektik von Revolution und Konterrevolution. [mfn]Aus RAF – Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf, 1972.

Meinhof wollte die Revolution – unmittelbar, jetzt und hier. Aber wie macht man Revolution, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse sich offenbar verhärtet haben, erstarrt und verknöchert sind? Wenn die politische Situation nicht revolutionär ist? Wenn das Subjekt der Revolution – bei Meinhof trägt es viele Masken und verschiedene Namen: ‚potentiell revolutionäre Teile des Volkes‘, ‚Proletariat‘, ‚Masse‘ oder einfach ‚Volk‘, wenn also dieses Subjekt lieber Fußball guckt oder auf rassistische Hetzjagden geht als für die Abschaffung von Herrschaft und Ausbeutung zu kämpfen? Man macht dann eben erst mal nicht Revolution, denn die ist nicht machbar ohne Herrn und Frau Nachbar. 2 Angelehnt an den Sponti-Spruch der 68er-Bewegung ‚Revolution ist machbar, Herr Nachbar! ‘ Dann legt und lügt man sich die Verhältnisse zurecht; wittert überall Widerstand; denunziert das Denken und die Intellektuellen, den ‚Reformismus‘ ebenso wie die Sozialarbeit.

In der Papierproduktion der Organisationen erkennen wir ihre Praxis hauptsächlich nur wieder als den Konkurrenzkampf von Intellektuellen, die sich vor einer imaginären Jury, die die Arbeiterklasse nicht sein kann, weil ihre Sprache schon deren Mitsprache ausschließt, den Rang um die bessere Marx-Rezeption ablaufen. Es ist ihnen peinlicher, bei einem falschen Marx-Zitat ertappt zu werden als bei einer Lüge, wenn von ihrer Praxis die Rede ist. Die Seitenzahlen, die sie in ihren Anmerkungen angeben, stimmen fast immer, die Mitgliederzahlen, die sie für ihre Organisationen angeben, stimmen fast nie. Sie fürchten sich vor dem Vorwurf der revolutionären Ungeduld mehr als vor ihrer Korrumpierung in bürgerlichen Berufen, mit Lukács langfristig zu promovieren, ist ihnen wichtig, sich von Blanqui kurzfristig agitieren zu lassen, ist ihnen suspekt.3Aus RAF – Das Konzept Stadtguerilla, 1971.

Was zählt, ist der Wille, ist die Entscheidung, die Tat – dass es hier und jetzt anders werden muss. Wille, Entscheidung, Tat lassen keinen Zweifel zu. Wer zweifelt, ist schon Reformist, oder schlimmer noch: Opportunist. Der Zweifelnden fehlt es an revolutionärer Disziplin, an politischer Identität. Wer nicht jeden Moment an die Revolution glaubt, oder vielmehr: im Sinne der Revolution denkt und handelt, ist eine „Rotkohlfresserin, eine Hosenscheißerin“. Der revolutionäre Imperativ der Spießbürgerin lautet daher zunächst: „Sitzt nicht auf dem hausdurchsuchten Sofa herum und zählt die Lieben, wie kleinkarierte Krämerseelen.“ 4Zitate aus RAF – Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders, 1970.

Und wie Revolution machen, wenn der Feind niemals schläft, weil er keinen Schlaf braucht und niemals Ruhe gibt? Der schlaflose Verblendungszusammenhang der ruhelosen kapitalistischen Produktionsweise. Seine Funktionsträger und Schergen jauchzen und frohlocken: ‚Preiset das Schichtsystem! Unser aller Erlöser und Beschützer! Wie vor anderen so auch vor uns selbst! Dass wir uns nicht ohn‘ Rast und Ruh‘ zu Tode schuften!‘ Denn wo zwei oder drei Hundertschaften versammelt sind in seinem Namen, da liegen meist einige mitten unter ihnen. Und die vom Reformieren träumen, stehen ratlos ringsumher, die vor gutem Glauben überschäumen, mit einer roten Blume am Revers. In ihrem Land sollen nicht Milch und Honig fließen, sondern nur weniger Tränen, Schweiß und Blut. Damit dies aber geschehen kann, braucht es „bessere Disziplinierungsmittel […], bessere Einschüchterungsmethoden, bessere Ausbeutungsmethoden. Das macht das Volk nur kaputt, das macht nicht kaputt, was das Volk kaputt macht!“5Aus RAF – Die Rote Armee aufbauen – Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders, 1970. Das allein seligmachende Credo einer unversöhnlichen Revolutionärin. Dem Krieg der vielen Völker des imperialistischen Kapitalismus wird der revolutionäre Volkskrieg im Singular entgegengesetzt. Ob es sich dabei um ‚das deutsche Volk‘ oder vielmehr um ein universelles Volk aller Verdammten dieser Erde handelt, verschwimmt zuweilen nebulös in umstürzlerischer Rhetorik und subversiver Agitation. Meinhofs RAF sah sich als Geburtshelferin einer neuen Welt. Der Revolution und den Posaunen, die vom Ende der Welt, wie wir sie kennen, künden, will sie Leben einhauchen. „Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht!“6Aus dem Refrain des sozialistischen Kampfliedes „Die Internationale“. Der verheißungsvolle Unterton schlägt dabei nicht selten vom Pathetischen ins Quasi-Religiöse um – Apotheose des Volkes, Märtyrertum des Individuums für die Revolution. „Dem Volke dienen“, ist der Titel einer Rede von Mao Tse-tung, mit dem die RAF im April 1972 eine Erklärung zu ‚Stadtguerilla und Klassenkampf‘ überschreibt. ‚Dem Volke dienen‘ – damals Parole der RAF heute Werbeslogan der Bundeswehr: ‚Wir.Dienen.Deutschland.‘ Dem RAF-Text von ’72 ist als Motto ein Zitat aus der besagten Mao-Rede vorangestellt. ‚Dem Volke dienen‘ ist damals wie heute ein allseitig todbringendes Handwerk:

Der Tod ist jedem beschieden, aber nicht jeder Tod hat die gleiche Bedeutung. In alten Zeiten gab es in China einen Schriftsteller namens Sima Tjiän. Dieser sagte einmal: ‚Es stirbt allerdings ein jeder, aber der Tod des einen ist gewichtiger als der Tai-Berg, der Tod des anderen hat weniger Gewicht als Schwanenflaum.‘ Stirbt man für die Interessen des Volkes, so ist der Tod gewichtiger als der Tai-Berg; steht man im Sold der Faschisten und stirbt für die Ausbeuter und Unterdrücker des Volkes, so hat der Tod weniger Gewicht als Schwanenflaum. 7Aus Mao Tse-tung, Dem Volke Dienen, Rede auf der Trauerfeier für Dschang Si-dö. (Dschang Si-dö war ein Kämpfer des Wachregiments des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas. Er hatte sich 1933 der Revolution angeschlossen, nahm am ‚Langen Marsch‘ teil und wurde in einem Gefecht verwundet. Am 6. September 1944 kam Dschang Si-dö bei der Herstellung von Holzkohle in den Bergen des Kreises Ansai im Norden der Provinz Schensi ums Leben, als ein Kohlenmeiler einstürzte.)

„Sieg im Volkskrieg!“ oder auch „Alle Macht dem Volk!“ hieß es dann auch am Ende vieler RAF-Erklärungen. Vom Volk und den Massen war ohnehin oft die Rede. Vom Volk, das angeblich vom Imperialismus kaputt gemacht würde, das angeblich nur auf seine Befreiung warte und in dem man sich wie ein „Fisch im Wasser“ bewegen müsse. Besonders im deutschen Kontext muss das problematisch erscheinen. Wie kann man nach Auschwitz einfach so zur anti-imperialistischen Tagesordnung des Marxismus-Leninismus übergehen, heißt: ein angeblich vom US-Kapital niedergehaltenes Volk befreien wollen, das sich ein paar Jahrzehnte zuvor noch zur ‚Volksgemeinschaft‘ zusammengerottet und millionenfach gemordet hatte? Da ist es nur folgerichtig, dass man die Vernichtungslager als „vorletzte und letzte Maßnahme gegen jede Art von Widerstand“8Aus RAF – Hungerstreikerklärung vom 8. Mai 1973., den Nationalsozialismus als „politische und militärische Vorwegnahme des Imperialismus der multinationalen Konzerne“9Aus RAF – Die Aktion des „Schwarzen September“ in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes, 1972. begreift. Was unterm Kapital – über den bürgerlichen Normalbetrieb hinaus – alles an Grausamkeit und Schrecken möglich ist, hat man schlichtweg ignoriert. Deshalb dann auch die bedingungslose Solidarität mit all denen, die irgendwie ‚gegen das System‘ sind, den Attentätern von München 1972 beispielsweise.

Deshalb zuvor schon ’65 Meinhofs Vergleich von Dresden und Auschwitz. Zwei grauenvolle Ereignisse, die in einem Satz zu nennen, den Eigenanspruch auf Kritik an „Barbarei und Unmenschlichkeit“10Aus Ulrike Meinhof – Zum 20. Jahrestag der Vernichtung Dresdens, 1965. jedoch betrügt. Es ist der Vergleich eines willkürlichen Flächenbombardements mit der willentlichen Industrialisierung der Massenvernichtung. Dieser Unterschied muss auch ohne Zahlen einleuchten. Wo er es nicht tut, droht die Fackel der Kritik an das unheilvoll-düstere Glimmen eines Revisionismus abgegeben zu werden, der von Alt-Nazis und Neu-Rechten seit den 60er Jahren zur Agitation der ‚heldenhaften Opfer der deutschen Zivilbevölkerung angesichts der Barbarei der Alliierten‘ instrumentalisiert wurde. Willkürlich heißt dabei weder ungewollt noch planlos. Aber wann setzte die Planung des Militärschlags auf Dresden ein und wann die Geburt der Shoa aus dem Geiste des eliminatorischen Antisemitismus? Wann das alltägliche Zusammentreiben, -schlagen, und -schießen aller ‚ewigen Feinde des deutschen Volkes und der arischen Rasse‘ und wann die strategische Entscheidung, die (A)Moral des deutschen Volkssturms zu brechen? Seit wann wurde das Ausbrennen gesellschaftlicher Krebsgeschwüre in der deutschen Alltagspolitik gefordert und wann das Ausbrennen des braunen Fanatismus frei nach dem Motto: ‚Um den Deutschen zu zeigen, dass sie keine Übermenschen sind, muss man sie unter die Erde bomben‘?11Georg Seßlen hat sich in seinem Text Der verunglückte Familienroman an einem Kurz-Psychogramm des RAF-Mitgründers und Anwalts, Horst Mahler, versucht. Mahler hat, dank der ihm vom späteren Bundesinnenminister Otto Schily ermöglichten Hegel-Lektüre während einer langjährigen Haftstrafe seinen Weg zur absoluten Wahrheit des völkischen Nationalismus gefunden. In den 90iger Jahren vollzog er (s)eine Konversion zum in jeder Hinsicht ausgesprochenen Holocaustleugner und antisemitischen Neo-Nazi. Sicherlich war die Saat, die später solche Früchte trug, auch bereits in seiner Zeit in der RAF durchaus erkennbar, in den Kontakten zu anti-zionistischen Befreiungskämpfern und einem plumpen Anti-Amerikanismus, ebenso wie dem Hang zu paranoiden Verschwörungsfantasien. Siehe: https://jungle.world/artikel/2017/51/der-verunglueckte-familienroman; letzter Aufruf: 15.01.2018.

An den vorhin zitierten Auszug aus der Rede Maos ‚Dem Volke dienen‘ schließt in der RAF-Erklärung eine Meditation über den Tod in Zeiten des Kapitalismus an:

20000 Menschen sterben jedes Jahr – weil die Aktionäre der Automobilindustrie nur für ihre Profite produzieren lassen und dabei keine Rücksicht auf die technische Sicherheit der Autos und den Straßenbau nehmen. 5000 Menschen sterben jedes Jahr – am Arbeitsplatz oder auf dem Weg dahin oder auf dem Heimweg, weil es den Produktionsmittelbesitzern nur auf ihre Profite ankommt und nicht auf einen Unfalltoten mehr oder weniger. 12000 Menschen begehen jedes Jahr Selbstmord, weil sie nicht im Dienst des Kapitals hinsterben wollen, machen sie lieber selber mit allem Schluß. 1000 Kinder werden jedes Jahr ermordet, weil die zu kleinen Wohnungen nur dazu da sind, daß die Haus- und Grundbesitzer eine hohe Rendite einstreichen können. Den Tod im Dienst der Ausbeuter nennen die Leute einen natürlichen Tod. Die Weigerung, im Dienst der Ausbeuter zu sterben, nennen die Leute einen ‚unnatürlichen Tod‘. Die Verzweiflungstaten der Menschen wegen der Arbeits- und Lebensbedingungen, die das Kapital geschaffen hat, nennen die Leute ein Verbrechen. Sie sagen: dagegen kann man nichts machen.12Aus RAF – Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf, 1972.

‚Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung‘, lässt der Autor Meinhof an einer Stelle im vorliegenden Buch sagen. Aber Leben ist auch Tod im Werden und wo gestorben wird, da fallen Tränen – zumindest meistens. Was also das Sterben-Machen ohne leben zu lassen betrifft, so verweist es auch auf die Hoffnungslosigkeit derer, die da verzweifelt auf die Revolution hoffend mordeten. Hoffnungslos verlorene Hoffnungsvolle, die schlussendlich nicht selten selbst alle Hoffnung verloren – nicht zuletzt, aber auch nicht nur aufgrund der sich ins (juristisch) Untragbare steigernden und für die Revolutionäre zunehmend unerträglich werdenden staatlichen Repression. Aber vielmehr noch, dass die eigene revolutionäre Praxis zunächst unvorhergesehene Folgen zeitigt und nicht beabsichtige Opfer fordert – außer Polizei und Soldaten sollte zunächst niemand zu Schaden kommen. Ein Anspruch, der sich spätestens mit dem Detonieren des Sprengsatzes im Springerhaus im Mai ’72 buchstäblich in Luft auflöste. Daran ändern auch telefonische Bombenwarnungen, vermeintlich oder tatsächlich abgesetzt, nicht ernstgenommen oder schlicht missachtet sowie spätere Distanzierungen in Texten und vor Gericht nichts. Die revolutionäre Praxis schlägt um in Verzweiflungstaten, die den eigenen hehren Ansprüchen und hoffnungsschwangeren Vorstellungen nicht länger genügen. Was für Meinhof bleibt sind Entsetzen, Entfremdung, Enttäuschung. „Denn die Enttäuschung verweist auf Hoffnung, ohne die sie nicht wäre; die Hoffnung verweist auf Erfüllung, auf die sie zielt. Dazwischen liegt eine Distanz. Das ist die einzige Größe, die aus revolutionärer Perspektive interessiert.“13Aus Bini Adamczak – Theorie der polysexuellen Ökonomie (Grundrisse), copyriot.com, http://copyriot.com/diskus/06-1/theorie_der_polysexuellen_oekonomie.htm, letzter Aufruf: 05.12.2017.

In der Vorstellung, hier und jetzt Revolution machen zu müssen, lag aber auch eine richtige Einsicht: Alles Denken und Handeln, das nicht auf eine Veränderung der Gesellschaft, auf die Abschaffung von Herrschaft zielt, ist Selbstmord in einem ganz bestimmten Sinn. Selbstmord nicht als unwiderrufliche Auslöschung des eigenen Lebens, sondern Selbstmord als alltäglicher Tod auf Raten. In uns allen stirbt jeden Tag in unseren eingegrenzten Lebensverhältnissen ein Stück unserer begrenzten Lebenszeit, ein Stück von uns selbst. Das Selbst gibt es aber unter den bestehenden Verhältnissen nur als Funktionsträger, als – nicht nur ökonomisch, sondern auch geschlechtlich, kulturell usw. bestimmte – Charaktermaske. Als den Unternehmer seiner Selbst, der sich im Kampf aller gegen alle behaupten muss; den echten Kerl, der keine Schwäche zeigen darf, blind losschlagen muss, um ‚seinen Mann‘ zu stehen. Oder die Managerin, die im Umgang mit ihren Angestellten emotional einfühlsam agieren muss, weil das die funktionalen Umstände in Einheit mit einem Jahrhunderte alten Stereotyp von ihr verlangen, nur um in der Vorstandsversammlung wenige Minuten später die ‚taffe Frau‘ zu mimen, damit sie die Ehrfurcht der Macker in Schlips und Kragen nicht einbüßt.

Das Leben ist – auch in den Ländern des demokratischen Kapitalismus und der bürgerlichen Konsumgesellschaften – vielmehr von Grenzen bestimmt als von Freiheit. Jedes Bedürfnis wird befriedigt, sofern es zahlungsfähig ist, heißt: sofern es bezahlt werden kann. Freiheit der Wahl heißt unter kapitalistischen Voraussetzungen des sogenannten ‚Freien Marktes‘ die Freiheit, wählen zu können zwischen dieser oder jener Zahnpasta, diesem oder jenem Auto – auch im 21. Jahrhundert weiterhin unter der unausgesprochenen Voraussetzung, das andere dafür hungern müssen. Doch der Übergang von der Sklaverei sans phrase zur Lohnarbeit, von der Clanherrschaft oder vom absolutistischen Staat zur bürgerlichen Demokratie beinhaltet einen Aspekt von Freiheit, der gegen die Fraktionäre der Reaktion zu verteidigen ist, die von der Rückkehr zur unmittelbaren Gewaltherrschaft träumen. Die notwendige Kritik der Verhältnisse darf nicht zur blinden Ablehnung aller kritisierten Verhältnisse werden: Wer seine Arbeitskraft verkaufen muss, gehört nicht seinem Herrn; wer alle paar Jahre sein Kreuzchen machen darf, steht nicht unter der Fuchtel von Monarchen, Warlords oder faschistischen Duces.

Die Reduzierung des Lebens auf Funktionsmechanismen haben die Autor*innen der ersten Generation der RAF durchaus treffend beschrieben. Praktisch verfielen sie allerdings der blinden Ablehnung aller kritisierten Verhältnisse, was ihren Glauben an apokalyptische Volkskriegsfantasien und ihre (Selbst)Zerstörungswut weiter befeuerte – Endstation Reaktion: das Wenden der Waffen gegen sich selbst.

Friß Vogel oder stirb! ist das Gesetz
des Systems. Nach ihm wird Profit gemacht;
wird jedes Kind, jede Frau, jeder
Mann bedroht, eingeschüchtert, gelähmt,
zur Sau gemacht; läuft jede Alternative im
System auf die Schweinerei raus: entweder
zu den Bedingungen des Kapitals malochen –
das Band frißt Menschen
und spuckt Profit aus –
das Büro frißt Menschen
und spuckt Herrschaft aus –
die Schule frißt Menschen
und spuckt die Ware Arbeitskraft aus –
die Hochschule frißt Menschen
und spuckt Programmierer aus –
oder verhungern, verlumpen, »Selbst«mord.
14Aus RAF – Hungerstreikerklärung vom 8. Mai 1973.

Es gibt allerdings noch eine andere, drastischere Variante des Selbstmords. Gegen sie erscheint jener Selbstmord, den man als normal funktionierendes Mitglied dieser Gesellschaft tagtäglich zu vollziehen hat, zurecht harmlos: jener Selbstmord, den man freiwillig begeht, wenn man sich einem Kollektiv unterordnet, um die Vereinzelung, das Leid, die Ohnmacht zu überwinden, die das eigene Leben bestimmen. Im Extremfall ist das der reale, physische Selbstmord den man im Namen des Volks, der Massen usw. begeht – „Suicide action“ eben.

Wer dieser Art leben und sterben will, oder vielmehr muss, hat offenbar nichts zu lachen. Aber eine Revolution bei der nur gelacht wird, wenn man sich totlacht, wird niemals das zarte Lächeln kennen, dass eine siegreiche zierte, nur die verzerrte Fratze einer missratenen Totenmaske. Denn im Totlachen wie im Toternsten liegt schon immer jene Gewalt, die den Tod will, nicht das Leben. Über sich selbst, aber auch über den Feind, muss man lachen können – Meinhof wusste darum: die eigenen Taten betrachtet sie mithin als des Gelächters würdig, sprich lächerlich und Polizist*innen sind zum Schießen. Das Leben der Revolutionär*innen aber ist tödlicher Ernst.